1. ABSCHNITT

WILBURGFOS, ENGLAND, OKTOBER 1085

Kapitel 1

Rogers Hände und Zehen drückten sich in den aufgeweichten Boden, während einer der anderen Knappen ihm den gefüllten Eimer auf den Rücken stellte. Aus der schlammigen Erde kroch die Herbstkälte durch seine Finger, die gerade noch Emmas zarte warme Haut gestreichelt hatten.

Mit einem Seufzer winkelte er die Arme an und senkte seinen ausgestreckten Körper nach unten, bis seine Nasenspitze die schmutzigen Grashalme berührte.

„Ein Angelsachse, der im Dreck zu meinen Füßen kriecht – was für ein schöner Anblick!“

Gerne hätte Roger seinem älteren Halbbruder William für diese Bemerkung eine Ladung Schlamm entgegengeschleudert. Stattdessen schaute er eisern nach unten, achtete darauf, dass der Eimer nicht wackelte, und zählte hörbar jede Absenkung.

„Ich würde dir gerne dabei zusehen, wie du vor Erschöpfung zusammenbrichst, aber ich muss meinen Kampf fortsetzen.“

Aus den Augenwinkeln sah Roger, wie William zurück auf den Platz ging, um den Übungskampf fortzusetzen.

Ðunres hamer on þe heafod!

Sollte doch der Donnergott seinem Bruder eine Lektion erteilen, wenn es schon sein Gegner nicht täte. 

„Gib das sofort her!“, donnerte ein Mann nicht weit enfernt.

Roger blickte auf. Der Gutsverwalter Hugues de Borre riss einem kleinen Jungen etwas aus der Hand und wedelte damit drohend vor dem Gesicht einer Frau herum.

„Wolltest du etwa deinen Lehnsherrn bestehlen?“

„Seht Euch den Apfel doch an“, sagte die Frau und nahm das weinende Kind in den Arm. „Er ist nur ganz klein und verschrumpelt, und wurmstichig noch dazu. Wir würden ihn ohnehin in der Küche nicht verwenden.“

„Das entscheidest nicht du!“ Hugues de Borre warf den Apfel in den Korb und deutete zur großen Halle. „Mach, dass du die Äpfel in die Küche bringst! Sollte ich dich erneut beim Stehlen ertappen, wirst du deiner gerechten Strafe nicht entgehen.“

Roger richtete den Blick wieder auf die sich nähernden Grashalme. Auf dem Kampfplatz neben ihm tänzelten und sprangen die beiden Gegner keuchend hin und her, bis einer von ihnen einen dumpfen Schrei ausstieß.

„Na, wer ist wieder einmal der Bessere von uns beiden?“, fragte William so laut, dass es auch wirklich niemand überhören konnte.

„Heute hast du Glück gehabt“, antwortete sein Gegner und schnaufte durch. „Aber das nächste Mal verlierst du.“

„Du weißt genauso gut wie ich, mon cher Walter, dass dieser Fall wohl kaum eintreten wird. Wer könnte es schon mit mir aufnehmen?“

„Jemand, der genauso ein großes Maul hat wie du“, sagte Roger zwischen den Zähnen hindurch, während er sich mit zitternden Armen erneut hochdrückte.

Zwei Lederstiefel stellten sich neben ihn. „Dich strengt diese Übung wohl nicht genug an. Warum versuchst du sie nicht einhändig?“

Ein Fußtritt riss Roger den Arm weg. Er klatschte mit dem Gesicht in den Schlamm, der Eimer kippte und das eisige Wasser ergoss sich über Kopf und Schultern des jungen Anglonormannen.

Spuckend und hustend setzte er sich auf und wischte sich den Dreck aus dem Gesicht. Er wollte gerade aufstehen, um sich auf seinen Bruder zu stürzen, da trat der Waffenmeister Oswulf zwischen die beiden.

„Du kämpfst sehr gut, William. Vielleicht bist du bereit für deine Schwertleite, was meinst du? Willst du es herausfinden?“

„Nur zu! Wer soll mein Gegner sein?“

Oswulf gab einem Knappen einen Wink, dass er ihm ein hölzernes Übungsschwert und einen Schild bringen sollte. „Ich werde mich persönlich von deinen Kampfkünsten überzeugen.“

William zog eine Augenbraue hoch. „Meinst du nicht, dass ein Jüngerer das für dich übernehmen sollte?“

„Hast du nicht gerade gesagt, dass keiner der anderen dich schlagen könnte?“

„Schon, aber –“

„Dann schauen wir doch einfach, wie lange ich mit dir mithalten kann“, sagte Oswulf und nahm die Ausrüstung auf.

Roger erhob sich und streifte den Matsch von seiner Tunika. Seine langen Haare waren klatschnass, aber zum Glück war ein Großteil des Wassers von dem Wollstoff seiner Tunika abgeperlt. Wie hätte er es bedauert, diesen Kampf zu verpassen, um sich etwas Trockenes anzuziehen! 

Lange Zeit griff William wiederholt an, doch Oswulf wehrte seinen Gegner immer wieder erfolgreich ab.

„Für dein Alter bist du noch ziemlich rüstig“, sagte William in einer Kampfpause.

„Man tut, was man kann.“

War das ein Blitzen, das Roger in den Augen des Waffenmeisters sah? Viel Zeit, darüber nachzudenken, blieb ihm jedenfalls nicht, denn auf einmal war es Oswulf, der angriff und William bedrängte. Dieser wich zusehens zurück und versuchte fast hilflos, den Attacken auszuweichen oder sie abzuwehren. Bei dem Schlag auf das Bein verzog William nur das Gesicht. Der Stoß in den Bauch ließ ihn zurückspringen. Als Oswulf ihm in diesem Moment den Schild mit seinem ganzen Gewicht dahinter gegen die Brust rammte, entglitt William dann doch ein Laut, der irgendwo zwischen Überraschung, Wut und einer unschönen Bezeichnung für den angelsächsichen Waffenmeister lag. Unter den entsetzten Blicken der anderen und zu Rogers Entzücken platschte William in voller Länge mit dem Rücken auf den matschigen Boden.

Oswulf stellte das Holzschwert neben sich auf und strich sich über den stattlichen Schnurrbart. „Sieht aus, als bleibst du uns noch eine Weile als Knappe erhalten, was meinst du?“

William warf die Übungswaffen von sich und stand mit zusammengekniffenen Lippen auf. „Dann sehen wir uns in der nächsten Übungsstunde“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Roger sah ihm grinsend hinterher, als er von dannen stampfte.

Eine Dienerin, die mit einem Korb und einer Schale in den Händen zur großen Halle ging, stieß er mit einem Schubs beiseite. Die Frau stolperte, ließ die Schale vor Schreck fallen und fing sich gerade noch mit den Händen ab. Sie rief William etwas hinterher, doch der ging weiter geradeaus, als wäre nichts geschehen. Mit einem verzweifelten Gesicht drehte die Frau die Schale um. Was immer sie darin getragen hatte, es war wohl nicht mehr zu gebrauchen, denn sie schüttelte nur den Kopf, stellte die Schale ab und begann, mit spitzen Fingern das aufzusammeln, was offensichtlich beim Aufprall aus dem Korb herausgepurzelt war.

Von der Seite eilte Hugues de Borre herbei.

Roger wandte sich ab. Williams Tritt hatte ihn davor bewahrt, seine Strafe bis zum Ende ableisten zu müssen, aber Oswulf würde ihm gewiss das Doppelte aufbrummen, wenn er sich nicht endlich den Waffenübungen widmete.

Als sie schließlich die Ausrüstung in die Waffenkammer zurückräumten, sagte ein Diener Roger, dass sein Vater ihn umgehend sprechen wollte.

In der großen Halle strahlte die Herbstsonne durch die schmalen Öffnungen unter dem Dach und erleuchtete die dunklen Holzbalken mit einem schwachen Schimmer. William, ihrer beider Vater, Sire Geoffrey, sowie Hugues de Borre standen neben dem Feuer in der Mitte der Halle und betrachteten Roger abschätzig, als dieser auf sie zuging.

„Du hast dich bei den Waffenübungen verspätet“, sagte Sire Geoffrey, „und einer Dienerin hast du aus Wut über deine Strafe die Körbe aus der Hand geschlagen.“

„Eine ganze Schale Eier und zwei Handvoll Birnen“, ergänzte der Gutsverwalter.

„Hab ich nicht! Wer sagt das?“

„William kann es bezeugen“, sagte der Lehnsherr.

„Was? Aber er hat die Frau zur Seite gestoßen.“

„Das ist nicht, was William sagt.“

„Dann lügt er. Ich habe die Frau nicht angerührt. Fragt sie doch selbst!“

„Du bezichtigst mich der Lüge?“, fragte William.

„Allerdings. Ich stand nämlich zu dem Zeitpunkt auf dem Kampfplatz. Das können Oswulf und die anderen bestätigen.“

Hugues de Borre lachte auf. „Überraschen würde es mich nicht, wenn Ihr es gewesen wärt.“

„Und mich überrascht es nicht, dass Ihr so denkt.“ Roger ballte die Fäuste. „Aber ist es nicht Eure Aufgabe, Beweise zu sammeln, anstatt voreilige Schlüsse zu ziehen? Habt Ihr veilleicht die Dienerin gar nicht befragt?“

„Ich weiß sehr wohl, was meine Aufgabe ist.“ Hugues’ wilde Haare schienen sich aufzustellen wie das Fell auf dem Rücken einer Katze, wenn sie in Verteidigungsstellung geht. „Selbstverständlich habe ich sie befragt.“

„Und? Welche Antwort habt Ihr erhalten?“ Roger entspannte sich. Jetzt könnte William nicht mehr seine Tat leugnen.

„Was geben wir auf das Geschwätz einer Dienerin?“, fragte William. „Es wäre doch nicht das erste Mal, dass du deinen Ärger über eine Strafe woanders auslässt, mon cher Roger.“

„Du bist ein elender Lügner, William! Ich war es nicht! Warum gibst du nicht zu, dass du schuld bist?“

„Genug!“, sagte Sire Geoffrey. „Jeder kennt deine Wutausbrüche und ihre Folgen. Wie du später einmal einen Hof führen willst, weiß ich nicht, aber zum Glück wird es nicht meiner sein.“ Er warf William einen Blick zu, und dessen hämisches Grinsen wurde noch breiter. „Damit du lernst, wie man richtig mit Vorräten umgeht, insbesondere vor dem Winter, wirst du eine Woche lang als Page bei den Mahlzeiten arbeiten.“

„Das könnt Ihr nicht ernst meinen! Ich bin doch kein Kind mehr!“

„Du verhältst dich wie eines“, sagte der Lehnsherr und wandte sich zum Gehen. „Cenhelm wird dich einweisen.“

Kapitel 2

Während Roger den drei Männern fassunglos hinterschaute, spürte er eine Berührung an der Schulter. Er drehte sich um und blickte in das freundliche Gesicht seiner Mutter.

„Cum, min sunu“, sagte Dame Edeva leise und winkte ihn hinter sich her zum Schlafgemach im ersten Stock.

Sie schloss die Tür hinter ihnen, nahm einen kleinen Lederbeutel aus einer Truhe und zog daraus einen Goldring, den sie Roger hinhielt.

„Schau, ob er dir passt.“

„Ein Ring? Für mich?“ Roger nahm das glänzende Schmuckstück und betrachtete es von allen Seiten. Wie in feinem Stoff verliefen zahlreiche Fäden über den gesamten Reifen zum kreisförmigen Ringkopf hin. Von ovalen Kettengliedern eingerahmt kreuzten sich dort auf dem strukturierten Untergrund der Stamm eines Baumes, eine Axt und ein Langschwert – ein Siegel, das Roger noch nie vorher gesehen hatte.

„Es ist Kjetils Ring. Er gehört dem rechtmäßigen Nachfolger von Wilburgfos, der sich um die Menschen kümmert – nicht um das, was sein Lieblingssohn behauptet. Ich wollte dir den Ring schon vor zwei Jahren mit Kjetils Scramasax geben, aber er wäre dir vom Finger gerutscht.“ Sie lächelte gequält. „Es ist das Letzte, was mir von ihm geblieben ist.“

„Wollt Ihr ihn nicht be–“

„Nein, Hroðgar, das will ich nicht. Ein Ring sollte getragen werden, nicht an einem dunklen Ort nutzlos herumliegen. Streif ihn dir über!“

„Seid Ihr sicher?“

„Ich möchte, dass du ihn trägst. Kjetil hätte es auch gewollt.“ Sie presste die Lippen zusammen.

Roger schob den Goldring über den kleinen Finger seiner linken Hand.

‚Er gehört dem rechtmäßigen Nachfolger von Wilburgfos.‘

Der Ring passte, als wäre er eigens für ihn angefertigt worden.

„Was bedeuten die Symbole?“, fragte er, während er den Ringkopf musterte.

„Der Baum ist der Stamm von Yggdrasil, der Weltesche, die die ewige Verbundenheit aller Dinge symbolisiert. Das Schwert steht für Schutz, Gerechtigkeit und Reichtum; die Axt für Stärke, Mut und Macht.“

Roger nickte. Er kannte Kjetil nur aus den Erzählungen seiner Mutter, war weder verwandt mit ihm, noch hatte er ihn je persönlich getroffen. Trotzdem empfand er eine ungewöhnliche Vertrautheit mit diesem Mann. Das Kurzschwert hatte er bereits geerbt, und nun erhielt er auch noch dessen Siegelring. Seine Mutter hatte Kjetil geliebt, und wenn sie Roger solch wertvolle Erinnerungsstücke anvertraute, dann musste sie Roger mindestens genauso lieben – auch wenn er der Ehe mit Kjetils Mörder entsprang.

„Ich danke Euch, Mutter. Ihr erweist mir eine große Ehre mit diesem Geschenk.“ Roger erhob sich und ließ die Hand mit einem Blick auf den Ring sinken. „Ich werde Kjetils Ring mit Stolz tragen und mich seiner würdig erweisen.“

Dame Edeva lächelte. „Das wirst du, wenn du ein wenig älter bist.“

Sie legte den Lederbeutel zurück in die Truhe und raffte beim Aufstehen ihre bodenlange blaue Tunika zusammen.

Während Roger seiner Mutter die Treppe hinunter in die große Halle folgte, ließ er den Blick schweifen. Die Bediensteten stellten Tische für die bevorstehende erste Mahlzeit des Tages auf und brachten Tonbecher und Krüge mit Wein, die sie auf den Tischen verteilten. Etwas abseits von dem Trubel saßen sein Vater und William in ein Brettspiel vertieft.

Aus dem Nichts erschien Hugues de Borre an der Seite der Treppe. „Gab es etwas Wichtiges zu besprechen?“

„Ich denke nicht, dass Ihr wissen wollt, was eine Mutter mit ihrem Sohn bespricht, Munsire“, antwortete Dame Edeva.

„Das kommt ganz darauf an, um wen es sich dabei handelt, Dame.“

„Nun, wenn es Euch beruhigt, so will ich Euch sagen, dass ich meinem Sohn erste Anweisungen gegeben habe für seine Strafe als Page.“

„Dann verwundert es mich, dass Ihr Euch dafür in Euer Schlafgemach zurückziehen musstet. Waren die Anweisungen so geheim?“

„Wenn Ihr mir etwas unterstellen wollt, Hugues, dann sprecht es aus. Wenn nicht, dann entfernt Euch. Ich möchte gerne etwas essen.“

„Ganz wie Ihr wünscht, Dame.“ Der Gutsverwalter deutete eine Verbeugung an, allerdings nicht, ohne Roger noch einen Blick aus zusammengekniffenen Schweinsäuglein zuzuwerfen.

Ein unflätiges Lachen schallte durch die Halle, durch deren Tür ein Halbstarker mit wilden weißblonden Haaren hereinpolterte. Roger rollte mit den Augen, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. Sein dänischer Freund Brandolf war selten zu überhören.

Der Däne bahnte sich einen Weg zur Küche und klapste im Vorübergehen einer der Mägde auf den Po. Diese schrie auf und drehte sich schimpfend nach ihm um.

Roger beobachtete die Szene kopfschüttelnd.

„Ach, hier bist du!“, sagte eine junge Stimme neben ihm, und zwei große blaue Kinderaugen strahlten ihn an.

„Richard, mon ami. Habe ich dir gefehlt?“

Roger klopfte dem kleinen Rotschopf auf die Schulter. Er mochte Richard – ein Anglonormanne wie er selbst, vor allem aber wie ein kleiner Bruder für ihn, der schon ungeduldig dem nächsten Jahr entgegenfieberte, wenn er sich endlich als Knappe bei den Waffenübungen mit Roger messen könnte. 

„Ja, nein, ich meine, eigentlich waren wir nur auf der Suche nach dir, weil du plötzlich verschwunden bist und wir nicht wussten, wo du warst.“

Roger wuschelte ihm durch die Haare. „Eure Sorge um mich ehrt euch, aber es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Sieh mal hier, was meine Mutter mir gegeben hat.“ Nicht ohne Stolz zeigte er den Ring an der linken Hand. „Er stammt vom ersten Mann meiner Mutter. Sie wollte, dass ich den Ring trage.“

„Der sieht anders aus als die, die ich kenne, so ganz ohne Löwen oder Initialen.“ Richard grinste spitzbübisch. „Ein besonderer Ring für meinen besonderen Freund.“

Roger lächelte. War er tatsächlich etwas Besonderes? Das klang fast anmaßend, aber dass er in mancherlei Hinsicht anders war, wusste er. Wenn nur sein älterer Bruder dies nicht ständig zu seinen eigenen Gunsten ausnutzen würde, so wie heute!

2. ABSCHNITT

WILBURGFOS, ENGLAND, IM APRIL 1086

Kapitel 1

„Wenn du einen Bart hättest, würde ich ihn dir jetzt abscheren!“

Mit einem Schrei warf sich der weißblonde Däne nach vorne. Sein Schwert krachte auf den Rundschild, den Roger gerade noch rechtzeitig über die Schulter hob.

„Wenigstens würdest du meinen Bart finden.“ Roger schwang den Schild mit voller Kraft zur Seite, riss Arm und Schwert seines Gegners mit. „Deinen sieht man nicht einmal, du Milchgesicht.“

Ein schneller Schritt, ein Hieb in die offene Flanke. Der Blonde schrie auf. Mit einem Sprung stand Roger hinter ihm und bohrte ihm die stumpfe Schwertspitze in den Rücken.

„Siehst du die Tore von Valhǫll, Wikinger? Rein mit dir!“ Er hob das Knie und versetzte dem Dänen einen kräftigen Tritt in den Hintern.

Unter dem Gelächter der Umstehenden polterte sein Gegner der Länge nach auf den Boden. Ein unüberhörbarer Schwall altnordischer Flüche folgte seiner Landung. Roger reckte Schild und Schwert in die Luft und ließ sich von den anderen bejubeln.

Der Däne rappelte sich vom Boden auf, warf das hölzerne Schwert und den Holzschild neben sich und rieb sich die Seite. „Verfluchter Linkshänder!“

Roger grinste und wischte sich mit dem Ärmel seines Leinenhemds den Schweiß von der Stirn. „Auch wenn Vater Leofric es als Fluch sieht, hat es durchaus Vorteile, mein lieber Brandolf. Außerdem müsstest du langsam wissen, dass Wikinger stets gegen Angelsachsen und Normannen verlieren.“

„Gar nicht!“, rief Brandolfs kleiner Bruder Bjarni mit dem Gerechtigkeitssinn eines Achtjährigen. „Du lügst!“ Er schob trotzig die Unterlippe vor und stach mit einem der beiden kleinen Messer, die er immer am Gürtel trug, in die Rinde des nächstbesten Baumes.

Brandolf schlenderte auf Roger zu und wischte sich den Dreck von der schiefen Nase. „Du bist genauso widerlich stolz wie dein Vater.“

„Ich bin überhaupt nicht wie mein Vater!“ Roger ließ sich ins Gras fallen und legte die Arme um die angezogenen Beine. „Das ist Williams Privileg.“

Brandolf griff nach dem Wasserschlauch, den Drogo ihm reichte, und schaute auf Roger herab. Er nahm einen kräftigen Schluck, wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab und hielt Roger grinsend den Wasserschlauch hin. „Wenigstens hast du den besseren Haarschnitt.“

Roger verbiss sich ein Lächeln und nahm den Schlauch. Mit den langen Haaren ähnelte er tatsächlich eher den beiden Dänen Brandolf und Bjarni. Zumindest in dieser Hinsicht hatte Rogers Mutter sich gegen seinen Vater durchgesetzt. Der hätte die Haare seines zweitältesten Sohnes nämlich lieber als kurzen Pagenkopf, wie ihn die Normannen trugen, gesehen.

„Roger hat Grund genug, stolz zu sein“, sagte Richard. „Er ist höflich, gebildet und immer bereit, sein Bestes zu geben.“ Er nahm Schild und Schwert auf. „Ich wäre froh, wenn ich so kämpfen könnte wie du, Roger.“

Eine Stimme mit stark normannischem Akzent ließ die Gruppe Jugendlicher aufschauen. „Ich glaube nicht, dass dein Vater das gern hören würde, mon cher Richard.“

Zwei Reiter näherten sich auf dem Pfad, der vom Gutshaus von Wilburgfos durch den kleinen Wald zur Lichtung führte. Wäre sein älterer Bruder William alleine gekommen, Roger wäre sitzen geblieben. Weil ihn aber sein Freund Walter Fossard, der Sohn eines mächtigen Vasallen, begleitete, sah er sich gezwungen aufzustehen.

William hielt an und warf einen Seitenblick auf Roger. „Mein Halbbruder ist noch ein wenig … unbeherrscht im Umgang mit Waffen. Zu viel wildes Blut.“

„Was willst du, William?“, fragte Joscelin, der älteste Knappe, der die Aufsicht über die Gruppe hatte.

William warf seinem Begleiter einen Blick zu und schürzte die Lippen. „Walter und ich haben euch eine Weile zugeschaut. Wir dachten, wir könnten vielleicht noch etwas lernen. Wie ich sehe, spielt ihr mit Hölzchen.“

„Wir spielen nicht“, sagte Richard, „wir üben, William.“

William nickte. „Ich verstehe. Ihr übt mit Hölzchen.“

Roger knurrte. „Du weißt genau, dass wir beim Üben hier draußen keine scharfen Waffen benutzen dürfen.“

„Ço est seure chose“, sagte William. „So sollte es auch sein, wenn einer wie du dabei ist.“

„Was soll das heißen?“

„Aluns, mon cher Roger, wir alle wissen doch, dass du immer noch nicht gelernt hast, deine Wut zu beherrschen.“

„Nicht jeder kann so vollkommen sein wie du.“

„Natürlich nicht. Vater und ich würden es jedoch schätzen, wenn du deine Launen nicht ständig an unserem Eigentum auslassen würdest. Schließlich will ich nicht alles wieder neu aufbauen und kaufen, wenn ich Wilburgfos irgendwann übernehme.“

„Wilburgfos ist nicht Sire Geoffreys Eigentum“, sagte Richard und ließ die Waffen sinken, so als wolle er seinen Widerspruch nicht auch noch durch eine offensive Geste unterstützen. „Er hat es als Lehen von meinem Vater erhalten, aber es gehört ihm nicht.“

„Wie dem auch sei“, sagte William, „jedenfalls werde ich den Hof eines Tages übernehmen. Du solltest also zügig lernen, dich nicht mehr wie ein Wilder zu benehmen, so wie deine dänischen Freunde da.“

 „Wir sind die Wilden?“, fragte Brandolf. „Wer hat denn die ganzen Menschen hier im Norden getötet, weil er das Land haben wollte?“

William lachte auf. „Das fragst ausgerechnet du mich? Deine Landsmänner können doch auch heute noch nichts anderes als morden und brandschatzen.“

Brandolfs weißblonde Haare schienen aufzuleuchten, als ihm die Zornesröte ins Gesicht schoss. „Wenigstens rotten wir nicht ganze Landstriche aus, so wie ihr Normannen das gemacht habt! Meine ganze Familie habt ihr abgeschlachtet.“

Roger packte seinen Freund am Arm und zog ihn aus Williams Reichweite. „Warum verschwindest du nicht, anstatt unsere Übungen weiter zu stören?“

„Mein pflichtbewusster kleiner Halbbruder! Wenn er doch nur in allem so vortrefflich sprechen und handeln würde! Nur müsste dazu jemand auch seinen Freunde bessere Manieren beibringen. Wie schade, dass du das nicht kannst, mon cher.“

„Ach, und du könntest es?“, fragte Roger.

„Wie wäre es, wenn du absteigst?“

Brandolf versuchte, sich an Roger vorbeizuschieben. Selbst als dieser sich mit ausgestrecktem Arm vor ihn stellte, drängte der junge Däne einfach weiter. Er war kleiner als Roger, aber die Kraft in seinem Oberkörper ließ keinen Zweifel daran, dass die schwere beidhändige Streitaxt seine bevorzugte Waffe war.

„Dann werden wir sehen, wer hier wem Manieren beibringt!“ Brandolf warf sich hin und her, um Rogers Griff abzuschütteln.

William überlegte kurz, reichte dann Walter die Zügel und schwang sich aus dem Sattel. Er rückte das Schwert zurecht und nahm seinen rautenförmigen Schild auf.

Walter schaute seinen Freund verwirrt an. „Dafür haben wir keine Zeit, William. Die anderen warten auf uns.“

William winkte ab. „Es wird nicht lange dauern, Walter. Warum reitest du nicht schon voraus?“

Ohne Walters Antwort abzuwarten, schritt William zur gegenüberliegenden Seite des Kampfplatzes, drehte sich um und zog das Schwert.

„Was soll das, William?“, fragte Joscelin. „Du weißt selbst, dass dein Vater den Kampf mit scharfen Waffen hier draußen verboten hat. Willst du gegen dieses Verbot verstoßen?“

„Wer beweisen will, dass er ein Mann ist, soll auch kämpfen wie ein Mann.“ William betrachtete die Spiegelung der Sonnenstrahlen auf der blanken Schneide des Schwertes. „Aber vielleicht hast du Angst vor den Normannen, so wie dein lächerlicher König Svend Estridsen?“

Bjarni, der bis jetzt hinter einem Baum gestanden hatte, steckte zaghaft seinen Kopf hervor. „Los, Brandolf! Zeig’s ihm!“

Alle Blicke richteten sich auf den schnaubenden Dänen, der sich aus Rogers Griff befreite und zu den Waffen stampfte.

„Das kannst du nicht machen, Brandolf!“ Unfähig, sich zu bewegen, sah Roger seinem Freund mit einem flauen Gefühl im Magen hinterher. „Was ist, wenn Oswulf das herausbekommt? Außerdem ist das viel zu gefährlich!“

Joscelin legte die Hand auf Brandolfs Schulter, als dieser zur Waffe griff. „Sei vernünftig, Brandolf.“

Brandolf warf die weißblonden Locken nach hinten und schüttelte Joscelins Hand ab. „Lass mich!“ Er hievte seine Streitaxt hoch und stellte sich William gegenüber auf die andere Seite des Platzes.

Die beiden Kontrahenten musterten sich, schlichen zur Seite und vor. William stach zu. Brandolf sprang nach hinten. Er schwang die Streitaxt über den Kopf. William wich dem anschließenden gewaltigen Hieb leichtfüßig aus.

So ging es eine Weile, ohne dass einer der beiden einen entscheidenden Vorteil erringen konnte. Doch Brandolfs Bewegungen verlangsamten sich zusehends, und er schien Mühe zu haben, die Axt genauso kraftvoll wie zu Beginn des Kampfes in eine Angriffsstellung zu heben. William dagegen bewegte sich geschmeidig um seinen Gegner und dessen mächtige Waffe herum.

Rogers Blick schwenkte vom Kampfplatz immer wieder zu Bjarni, der Nägel kauend vor dem Baum herumtippelte und dessen Zurufe immer leiser wurden, bis sie ganz verstummten. Es musste schrecklich für ihn sein, hilflos dabeizustehen, während William, scharf bewaffnet, mit Brandolf geradezu spielte.

„Aaaah!“ Brandolfs Schrei ließ Zuschauer und Pferde aufschrecken. Auf Brandolfs linkem Oberschenkel bahnte sich eine rote Spur den Weg durch die hellen Beinkleider hin zum Knie.

William stand mit dem Rücken zu Bjarni, keine sechs Schritte entfernt. Aus dem Augenwinkel sah Roger, wie Bjarni ein Messer zückte und vorwärtsstürmte.

„Bjarni, nein!“, rief Roger und rannte los.

Er schnappte Bjarnis Arm, doch der schwang sein anderes Messer um sich. Ein jäher Schmerz schnitt Roger den Schrei in der Kehle ab. Er kniff die Augen zu und zischte. Unwillkürlich fuhr seine Hand nach oben an die brennende Wange – und Bjarni war frei.

Als Roger die Augen wieder öffnete, setzte Brandolf gerade zu einem erneuten Schwung seiner Streitaxt an. William achtete nur auf Brandolf. Er sah nicht den Jungen hinter ihm, der ihm jetzt das Messer in den ungeschützten Rücken rammte. William krümmte sich und ließ seine Deckung für einen Moment sinken. 

„William!“, ächzte Roger und starrte auf seinen Bruder.

Blutüberströmt machte er einen letzten Schritt in Richtung Kampfplatz, wo Brandolfs Axt auf William niederging und seinen linken Arm und den halben Brustkorb durchtrennte.

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